Sagen aus der ehemaligen Bürgermeisterei Merheim
Bisher habe ich die folgenden Sagen und Hinweise auf
den Aberglauben im Raum der ehemaligen Bürgermeisterei Merheim
gefunden:
Die Entstehung des Klosters (Dünnwald)
Im Dunkel des Waldes steht einsam eine Kapelle. Pilger
ziehen dort ein und aus. Laut ruft das Glöcklein der Kapelle
von Tagesanbruch bis in die Nacht hinein die Frommen zur
Andacht herbei. Zwischen den morschen Mauern der Kapelle steht
ein Bild des Erlösers, fast vermodert wie die Kapelle. Jahraus
jahrein ziehen Scharen frommer Waller zur tief ausgetretenen
Schwelle des kleinen Gotteshauses.
Eines Tages wurde das Gebet der frommen Pilger
plötzlich durch gellenden Weheruf aus dem Waldesdickichte
unterbrochen. Im nächsten Augenblick stürzte Ritter
Heidenreich, verfolgt von grimmen Feinden, durch den Wald zur
Kapelle, um dort Schutz zu suchen vor den Verfolgern, denen er
wohl mannhaft entgegengetreten wäre, wenn er Waffen mitgeführt
hätte. Aber auf einer Betfahrt begriffen, wurde der
Nichtsahnende überfallen und zur Flucht nach dem Heiligtume
genötigt. Voll Dank über die Rettung küsste er die Schwelle und
klammert sich an den Altar. Aber, o Graus! Ein Mordbube achtet
nicht des heiligen Ortes, sondern hebt das Schwert zum
tödlichen Streiche. Doch, welch ein Wunder! Als das Schwert
blitzend niedersaust, bricht der starke Stahl glatt am Hefte
ab. Der Schlag hat das Bild des Erlösers getroffen, dessen eine
Hand zwar durchbohrt wurde, dessen Nagel aber dem Knieenden
Rettung vom sicher winkenden Tode gebracht hat. Das Schwert
aber in den Händen des Erlösers bringt selbst die rasenden
Mörder zur Besinnung. In jähem Entsetzen fliehen sie den
heiligen Ort, und wieder erschallt der Gesang und das Gebet
frommer Pilger an heiliger Stätte.
Voll Dank gegen Gott erbaute Heidenreich an der Stelle
der kleinen Waldkapelle ein prächtiges Gotteshaus und ein
großes Kloster. In demselben danken fromme Nonnen unaufhörlich
dem Herrn aller Herren für jene Rettung. Dünnwald wurde das
Kloster genannt, wo einst in stiller Waldkapelle manch Herz
sich erbaute und wo man des Stahl des Schwertes in der Hand des
Erlösers schaute.
Längst verschwand der Wald dort. Reiche Fluren ziehen
sich um das Gotteshaus hin. Segnend streckt der Erlöser aber
auch noch heute seine Hände dort aus.
so aufgezeichnet von Johann Bendel
Die Eichelsaat (Dünnwald)
Die Mönche zu Dünnwald zeigten einst dem Junker Hall
zu Schlebusch ein altes Dokument vor, nach welchem ein großer
Landstrich dem Kloster zugehörte. Das schien dem Junker
unglaublich, denn er hatte das Land als alten Besitz geerbt und
manche Ernte darauf gezogen. Zwischen dem Junker und den
Mönchen kam es zu ernsten Reibereien, und endlich sollte der
Handel vor Gericht ausgetragen werden. Aber auch hier wußte man
in dieser verwickelten Sache keinen Rat. Scheinbar des
langwierigen Haders überdrüssig, gelobte der Junker, das Land
den Mönchen zu überweisen: doch möchten sie ihm noch eine Ernte
verstatten. Die Mönche gestanden das gerne zu. Der Vergleich
wurde rechtskräftig beschworen und verbrieft. Alles schien
zufrieden, doch nur für kurze Zeit. Zur Hagelfeier war es in
jener Zeit üblich, die Felder in Prozessionen zu umgehen und
das Gedeihen der Saaten zu erflehen. Neugierig drängten sich
die Mönche zu dem Gegenstande des langen Haders, zu sehen, was
der Junker auf dem Acker gesät habe. Aber was war da zu
schauen: Eichelsaat deckte zartsprossend die weite Fläche. Nun
klagten sie über Betrug und Gewalt. Aber der Junker Hall legte
den verbrieften Vergleich vor, und die Mönche mussten von ihren
Einsprüchen abstehen. Die Saat gedieh trefflich und gestattete
den Junker von Hall noch, in ihrem Schatten nach Rehen zu
jagen. Als aber die Eichen über das Klosterdach schauten, da
sahen sie auf grüne Gräber, drinnen Abt und Mönche längst
ruhten. Und als die graue Rinde der hohen Stämme barst und sich
verkrustete, da schüttelten die gewaltigen Baumkronen ihre
falben Blätter auf die Ruinen des Klosters herab. (Dagegen ist
zu erinnern, dass die Eichen längst gefallen sind, Kirche und
Klostergebäude aber noch heute stehen).
so aufgezeichnet von Johann Bendel
Im Klosterweiher (Dünnwald)
Neben dem Kloster liegt der alte Klosterweiher, der
früher den Nonnen die Fische lieferte. Gespeist wurde er von
dem nahen Mutzbach. Da, wo heute der Stammheimer Weg über den
Mutzbach führt, lag eine Stelle im Weiher, die allgemein
gefürchtet war. Sie hieß der "deepe Pötz". Der soll
sehr tief gewesen sein. Ein Schwimmer konnte leicht durch den
ganzen Weiher schwimmen, kam er aber zum gefährlichen Pötz, so
zogen die gurgelnden Wasser ihn in die Tiefe. Die Erinnerung an
den Pötz lebt noch immer bei der dortigen Bevölkerung. Als
Männer vor einigen dreißig Jahren den Weiher ausschlammten,
warnte man sie allen Ernstes vor der gefährlichen Stelle.
so aufgezeichnet von Johann Bendel
Der Läutestein (Dünnwald)
Im Kreise finden sich hin und wieder gewaltige
Steinblöcke, die wegen ihrer Große angestaunt werden. Solche
Steine liegen zum Beispiel im Königsforst, auf der Wahner
Heide. Es sind Quarzitblöcke aus der Terziärzeit, aber die
Sage, die gern sich an Altes hängt, umspinnt sie auch. In
Lohnskotten. einem Gemeindewalde von Dünnwald, liegt auch so
ein mächtiger Felsbrocken, von dem die Sage erzählt, dass er
dreimal in die Höhe springe, wenn in der nahen Klosterkirche
die Mittagsglocke läute. Es ist also ein sogenannter
"Läutestein" oder "Springfelsen".
so aufgezeichnet von Johann Bendel
Der Kluftstein (Dünnwald)
Zwischen Dünnwald und Paffrath liegt ein Kalkfelsen,
der wegen seiner vielen Höhlen der Kluftstein oder Klutstein
genannt wird. In diesen Höhlen wohnten vor Zeiten Zwerge, die
sich drinnen vortrefflich eingerichtet hatten und besonders
schöne kupferne Kochkessel besaßen. Feierten die Bauern der
Umgegend ein Fest, so pflegten sie die Kessel von den Zwergen
zu leihen. Vor dem Eingange der Höhle trugen sie ihre Bitte vor
und fanden am nächsten Morgen den Kessel vor der Höhle. Nach
der Benutzung ließen sie eine Probe der gekochten Speise für
die freundlichen Zwerge darin zurück. Dann stellten sie ihn
wieder vor den Eingang.
Lange Zeit erbte sich dieser freundschaftliche Verkehr
fort, bis einst böse Buben die Speisen vor der Höhle naschten
und dann den leeren Kessel beschmutzten. Von dieser Stunde an
war das freundschaftliche Verhältnis der Bauern mit den Zwergen
gestört. Die erzürnten kleinen Leute riefen den Knaben einen
Fluch nach, so dass sie zeitlebens hinken mussten.
so aufgezeichnet von Johann Bendel
Der Grinkenschmied (Dünnwald)
In einem Wäldchen bei Schönratherhof wohnte an einem
Hügel, der Emmerich (Emberg) genannt wurde, in einer Erdhöhle
ein kleiner, aber wunderbar starker und kunstfertiger Schmied.
Diejenigen, die ihn sahen, behaupteten, dass er von Angesicht
sehr hässlich gewesen, so dass man vor ihn erschrocken sei. Und
noch ist es sprichwörtlich, einen griesgrämigen Menschen mit
diesem Schmiede zu vergleichen. Sahen ihn auch nur wenige, so
haben doch viele seinen Hammer durch den grünen Wald schallen
hören und den Rauch seiner Esse bemerkt. Der Schmied nämlich
hatte viel Arbeit, da keiner im ganzen Lande ihn an
Kunstfertigkeit gleich kam. Die Leute hatten ihn nur Eisen und
Stahl vor seine Höhle zu legen und ihn laut zu zurufen, welche
Arbeit sie wünschten, Sie fanden dann am nächsten Morgen die
Arbeit an derselben Stelle liegen und hörten, ohne den Schmied
zu sehen, die mäßige Bestimmung des Preises dafür.
Wo der Schmied hingekommen, weiß keiner zu sagen.
so aufgezeichnet von Johann Bendel
Das weiße Ross (Dünnwald)
In einem Walde bei Dünnwald, Maikammer genannt, treibt
sich zu nächtlicher Zeit ein weißes Pferd umher, das öfters
kopflos, mit fliegender Mähne und hoch gesträubten Schweife
nächtliche Wanderer ängstigt.
so aufgezeichnet von Johann Bendel
Der ewige Jäger im Buchholze (Dünnwald)
Im Buchholze, einem Teile des alten Buchenforstes
zwischen Dünnwald und Merheim, zieht der ewige Jäger umher. Oft
erscheint er zu Fuß, oft auf einem weißen Rosse jagend; oft ist
er mit einem Hute, oft mit einer spitzen Mütze bedeckt.
Besonders im Frühlinge und in den letzten Tagen des Herbstes
lässt er sich sehen, und wenn nicht sehen, wenigsten hören. Er
soll immer sichtbar werden, wenn drei Greten (drei Frauen, die
Margareta heißen) sich zusammenfinden. Hört man ihn unsichtbar
vorüberziehen, so kann man sein Geschrei und auch das Bellen
seiner Hunde deutlich vernehmen.
so aufgezeichnet von Johann Bendel
Der Hermesteufel (Dünnwald)
In der Maikammer bei Dünnwald hielt sich der
Hermesteufel auf. Alte Leute wissen noch viel von ihm zu
erzählen, er war aber kein böser, sondern ein friedlicher und
freundlicher Geselle. Er trat in verschiedener Gestalt auf, oft
als Zottelbär, als großer Kettenhund, als eine feurige
Schlange; dann aber auch in menschenähnlicher Gestalt mit
großen Feuersprühenden Stierhörnern und einem einzigen Auge
mitten vor der Stirn, das lichtvoll die weite Gegend bei
finsterster Nacht erhellte. Früher sollen verwegene Männer sich
dieses Spukes als Leuchte bedient haben. Hatte jemand bei
dunkler Nacht in Wald und Moor den Weg verloren, so brauchte er
nur den Hermes anzurufen, so war dieser sogleich bei der Hand
und ging leuchtend vor ihn her oder neben ihm, bis er sich
zurechtgefunden hatte. Auch sah man Hermes oft um Mitternacht
in hohen Eichen und Birnbäumen weit umher leuchtend sitzen, so
dass die im Dunklen Verirrten sich zurechtfinden konnten.
so aufgezeichnet von Johann Bendel
Die Kirmes (Dünnwald)
Die Kirmes wurde in Dünnwald bis zum Jahre 1314 am
Tage des hl. Kunibert (12 Nov.) gefeiert, Das Kloster erwirkte
die Verlegung auf den zweiten Sonntag nach Peter und Paul (29.
Juni), kehrte später aber zum ursprünglichen Tage zurück.
Gegenwärtig fällt die Kirmes auf den Sonntag nach dem Feste des
hl. Matthäus.
Die Kirmes wurde früher in altertümlicher Weise begangen.
Den Gelagszug der jungen Burschen eröffnete ein Roßschädel, der
wie ein Banner dem Schwarme auf einer Stange voran getragen
wurde. So zogen sie in die Kirche, tanzten auf dem Kirchhofe
und ließen mittlerweile den Schädel am Tore halten. In diesem
Zuge zeichnete sich ein Bursche, der Schimmelreiter, aus, der
sich ein großes Steckenpferd angeschnallt hatte und die
Bewegungen des Reiters geschickt nachahmte. Nach den Reiter
folgte der Altvater, ein Bursche, der sich einen gewaltigen
Bart von Flachs gemacht hatte und mit Haupthaar von demselben
Stoffe prangte. Neben ihm schritt die Altmutter, eine zum
Altvater passenden Frauengestalt. Von der Kirche ging der Zug
durch das Dorf zum Festgelage.
so aufgezeichnet von Johann Bendel
Bruno von Flittard (Flittard)
Bruno von Flittard war wegen seines übermäßigen
Trinkens weit und breit berühmt. Dieser Eigenschaft wegen hatte
ihn Heinrich von Limburg, Graf von Berg, zu seinem Schenken
auserkoren. Zwar kam ihn dieser in seinem Amte teuer zu stehen,
trank Bruno doch oft in einem Tage so viel, als er selber
schwer war und blieb doch zu allen Verrichtungen geschickt. Um
die Kirche kümmerte er sich nicht viel, und darum ging das
Gerücht, er habe einen Vertrag mit dem Teufel geschlossen,
kraft dessen er solche Taten im Trinken verrichten könne. Aber
seinem Herrn war Bruno von Flittard treu ergeben und hatte in
mancher Fehde bewiesen, dass er das Schwert mannhaft zu führen
wusste. Als nun Friedrich II., im Jahre 1228 einen Kreuzzug nach
dem heiligen Lande rüstete und auch Heinrich von Berg daran
teilnahm, entschloss sich auch Bruno zur Teilnahme.
Zu Parlermo hielt Friedrich Hof, und dort befand sich
auch unser bergischer Ritter. Dem Trunke huldigte er hier wie
in der Heimat, so dass zuletzt der Kaiser auf ihn aufmerksam
wurde. Dieser ließ ihn vor sich führen und ergötzt sich daran,
wie er die tüchtigen deutschen Heerführer unter den Tisch
trank. Bei einem dieser Gelage kam einmal die Rede auf
feuerspeiende Berge. Der hochgelehrte Kaiser äußerte, ein
wackerer Mann würde große Ehre erringen, wenn er in den Schlund
des Kraters hinabsteigen würde, um zu erforschen, wie es
drunten beschaffe sei. Das hielten viele für eine vermessene
Rede. Der mutige Flittert aber erklärte, hinab zusteigen, und
wenn es die Hölle selber sei. Er machte sich auch sofort auf
den Weg zu den damals ruhigen Vesuv, trank, dort angekommen,
verschiedene Kannen Wein und stieg dann hinab. Lange harrte man
seiner Rückkehr, aber vergebens. Als nun am nächsten Tage der
Berg wieder zu toben anfing, war sein Tod gewiß.
Zu derselben Zeit fuhr Konrad (so berichtet Cäsarius von
Heisterbach), der Pfarrer von Rheinkassel (bei Worringen), mit
andern Pilgern über das Meer. Da hörten sie, als sie am Berge
Vulkano vorüber segelten, aus denselben folgenden Ruf ertönen:
"Da kommt Bruno von Flittard; nehmt ihn auf". Der
Pfarrer sagte zu seinen Mitreisenden: "Ihr seid alle
Zeugen, dass wir diesen Ruf vernommen haben", und schrieb
in Gegenwart aller Tag und Stunde auf, wobei er sagte:
"Sicher ist Herr Bruno gestorben". Bei ihrer Heimkehr
von Jerusalem begegneten sie unterwegs etlichen Landsleuten,
und auf ihre Erkundigung, wie es jenem Bruno gehe, erfuhren sie
seinen Tod. Als sie nach der Zeit seines Todes fragten, zeigt
es sich, dass er an demselben Tage gestorben war, an dem sie
jene Stimme gehört hatten.
so aufgezeichnet von Johann Bendel
Der zweite Bruno von Flittard (Flittard)
Jener Bruno hinterließ einen Sohn gleichen Namens, er
hinterließ ihm auch seine Laster; denn der junge Bruno war den
Vater ähnlich an Habgier, Unterdrückung der Armen und
Ausschweifungen aller Art.
Auch er diente dem Grafen von Berg als Schenk. Als bei
seinem Tode eine Besessene, die bereits vom Teufel befreit war,
nach fünf Tagen wieder von demselben gequält wurde, fragt man
denselben: "Wo bist Du inzwischen gewesen? Und warum bist
Du zurückgekommen?" Der Teufel erwiderte: "Wir haben
ein großes Fest gehabt und waren bei den Tode Brunos von
Flittard versammelt wie der Sand am Meere. Dann brachten wir
die Seele unter großem Jubel in die Hölle, und an dem ihr
gebührenden Ort reichten wir ihr den höllischen Becher"
(so erzählt Cäsarius von Heisterbach.
so aufgezeichnet von Johann Bendel
Ritter Eberhard (Flittard)
Zur gleichen Zeit ist in derselben Gegend ein Ritter
Eberhard gestorben, ein ebenso verbrecherischer Mensch, wie
Bruno von Flittard. Um Mitternacht richtete sich zum Entsetzen
der Anwesenden die Leiche des Ritters, nicht durch eigene,
sondern durch die Macht des Teufels, plötzlich in die Höhe. In
der Furcht vor weiterem teuflischen Blendwerke sorgten die
Verwandten Eberhards dafür, dass die Leiche in das Totenkleid
gehüllt und beerdigt wurde.
so aufgezeichnet von Johann Bendel
Wie das Muttergottesbild nach Stammheim kam
(Stammheim)
Die Überlieferung berichtet, dass das wundertätige Bild
bei einer Rheinüberschwemmung vor vielen hundert Jahren nach
Stammheim gekommen sei.
Es war ein harter Winter, und tiefer Schnee deckte das
weite Rheinland. Da kamen milde Märztage, und der Schnee auf
den Bergen und in den Ebene schmolz. Die Bäche und Flüsse
schwollen, und der Rhein trat verheerend über die Ufer. An
seinem Gestade (wo ist nicht bekannt) stand ein altes
Kapellchen, und in demselben hing ein altes Bild. Das
Kapellchen stürzte im wilden Wogenprall, und das Holzbild
schwamm in den Rheinfluten dahin. Als es an Stammheim
vorbei trieb, blieb es dem Orte gegenüber an den Wurzeln einer
alten Weide hängen. Man holte es herbei, brachte es nach
Mühlheim und stellte es auf dem Altare der Kirche. So oft man
es auch aufstellte, immer fand man es morgens auf der Erde
liegend. Daraus erkannte man denn, dass das Bild nicht für
Mühlheim bestimmt sei. Man trug es wieder zum Rheine hin und
legte es ins Wasser. Es trieb abwärts und wieder blieb es bei
Stammheim an jener Weide hängen. Daraus schloss man, dass das
Bild für Stammheim bestimmt sei. Man stellte es hier in der
Kirche auf, und bald wurde Stammheim ein berühmter
Wallfahrtsort.
so aufgezeichnet von Johann Bendel
Das Holzkreuz zu Stammheim (Stammheim)
Zu Stammheim am Rhein ein Holzkreuz ragt, Und früh
schon, wenn kaum der Morgen tagt, Von Wiesdorf kommt Niels
Steffen daher Und geht an sein Tagewerk, das mühsam und schwer.
Doch eh' in die Scholle die Hacke er haut, Vertrauend er
auf zu dem Kreuzholz schaut. Er zieht seine Mütze und faltet
die Hände Und betet um Segen für Anfang und Ende. Und sticht
ihm am Mittag die Sonne zu heiß, Wischt weg von der Stirne
Niels Steffen der Schweiß. Er bricht sein Brot dann. Es ruht
sich gut, Wenn man im Schatten des Kreuzes ruht. Doch wandert
der Abend mit segnender Hand Über das heimlich erschauernde
Land, Dann putzt Niels Steffen den Spaten hübsch blank, Sieht
aufwärts zum Kreuze und spricht seinen Dank Und wandert nach
Hause, wo Weib und Kind Um den Tannentisch versammelt sind. So
Jahr um Jahre. Das Kreuz ward alt, Und krumm ward Niels
Steffens hohe Gestalt. Doch seine Schmerzen zum Kreuzholz er
trug. Und wenn er wo hatte das Glück erschaut, Auch das hat er
gläubig dem Kreuz anvertraut.
Doch einst kam eine Nacht, die hat Niels Steffen mit
Bangen durch wacht. Das Eis stand bei Köln. Da trat Tauwetter
ein, und von Mosel und Main wurde Treibeis gemeldet. Doch das
Grundeis bei Köln hielt stand, und da trat oberhalb Köln der
Fluss über die Ufer und überschwemmte Mühlheim, Stammheim und
Wiesdorf. Auch Niels Steffens Haus stand mitten im See, er
kletterte mit Frau und Kindern aufs Dach und spähte und rief
nach Rettung. Das Häuschen aber bebte und wankte fortwährend
unter dem Stoße der treibenden Eisschollen. Da kam ein Nachen
vorbei, Niels Steffen rief und bat um Hilfe, doch der Nachen
war besetzt und konnte keinen mehr aufnehmen, Da in der
höchsten Not riefen die Kinder: "Vater, Vater, was kommt
da - da - da?" Es war das Kreuz von Stammheim, das die
Eisschollen gestürzt und nun mit sich trieben, Und das Kreuz
trieb langsam heran und wand sich durch Die Schollen zu Steffen
hin.
Und es klammerte sich Steffen mit Weib und Kind An das
rettende Kreuzholz. Das trägt sie lind Und sicher durch
Schollen und Wellenschwall An den Strand, wo versammelt die
Freunde all. Die nehmen an ihrem Jubel teil Und sagen alle:
"Im Kreuz ist Heil!"
so aufgezeichnet von Johann Bendel
Die weiße Frau von Stammheim (Stammheim)
In der Burg zu Stammheim wohnten einst zwei Ritter,
wovon der eine Hugo, der andere Günter hieß. Als einst der
erstere sich auf einer Reise über See befand, führte dessen
Dienstmagd eines Abends seine drei Kinder, bevor sie zu Bett
gingen, in den Burghof. Als die Magd eben bei dem Knaben stand,
da erschien ihr eine schauerliche Frauengestalt in schneeweißen
Anzuge mit bleichen Zügen und blickte starr auf sie hin über
den nahen Zaun. Da sie Gestalt nicht sprach und die Magd vor
deren Anblick sich entsetzte, kehrte die Erscheinung, nachdem
sie eine Weile Hugos Besitzungen betrachtet, langsam nach dem
Leichhofe, von wo sie hergekommen, zurück. Nach Verlauf von
einigen Tagen sprach das älteste kränkelnde Kind Günters:
"Nach sieben Tage werde ich sterben, und nach sieben
anderen Tagen wird meine Schwester, die Rina, sterben, und noch
eine Woche später wird die Kleinere uns folgen."
Was der Knabe vorausgesagt, ging auch in Erfüllung; und
es starben nach dem Tode dieser Kinder auch bald deren Mutter
und die oben erwähnte Magd. Zur selbigen Zeit starb Ritter Hugo
und dessen Sohn, welches Cäsarius um das Jahr 1220 also
berichtet.
so aufgezeichnet von Johann Bendel
Die Zwerge schiffen über den Rhein (Stammheim)
Die Quergskuhl (Zwergengrube) bei Herrenstrunden ist
dort jedermann bekannt, Wölbungen, Höhlen und lange Gänge
ziehen sich tief in die Erde hinein.
Dort hausten ehemals die Querge oder Zwerge. Alte Leute
haben mit ihnen regen Verkehr unterhalten, Sie liehen
Kochgeschirre von ihnen und stellten sie ihnen, sauber geputzt,
wieder zu. Die Zwerge vermochten auch Feuer anzuzünden, ohne
dass die Scheune brannte. Für einen Schuhmacher in der
Nachbarschaft verfertigten sie regelmäßig nachts Schuhe und
Stiefel. Lange ließ er sie ungestört bei der Arbeit. Eines
Tages aber beschloss er, ihnen zu danken. Er verfertigte ein
Paar zierliche Schuhe und stellte sie in die Werkstube. Als nun
am Abend ein alter Zwerg kam, um in gewohnter Weise seine
Arbeit vorzunehmen, gewahrte er die Schuhe. Er nahm sie und kam
nie wieder. Nach anderen Mitteilungen verließen die dortigen
Zwerge die Gegend, als das Christentum eingeführt wurde, denn
sie waren Heiden und "konnten das Läuten der
Kirchenglocken nicht vertragen." Bei Stammheim setzten sie
über den Rhein. Es waren ihrer so viele, dass der Zug mehrere
Tage und Nächte dauerte. Es war damals üblich, dass die Fähre
von jedem eine Kupfermünze von bestimmten Gewicht als Zoll
erhielt. Als alle Zwerge über gesetzt waren, hatte der Ferge
einen ganzen Scheffel solcher Münzen eingenommen. So erzählt
noch heute der Volksmund.
so aufgezeichnet von Johann Bendel
Beerdigungen (Merheim)
Bei Beerdigungen wurden früher die Leichen zum
Friedhofe gefahren. Der Sarg wurde auf zwei Strohbündel gelegt
und zwar dergestalt, dass die Füße des Toten nach vorne zu
liegen kamen. Auf diesen Sarg setzte sich dann stets die
Leichenbitterin, die, obgleich das Begräbnis am hellen Mittage
stattfand, eine brennende Leuchte in der Hand trug. Der
Fuhrmann schritt stumm neben dem Wagen einher, während die Frau
oben mit lauter Stimme alte Gebete her sagte. Am Friedhofe hielt
der Wagen, der Sarg wurde auf die Bahre gesetzt und von den
Freunden des Verblichenen wenigstens einmal, bei angesehenen
Toten aber dreimal um die Kirche und
dann zum Grabe getragen. Der Fuhrmann, der die Leiche gefahren
hatte, musste nun den Wagen so nach Haus zu fahren suchen, dass
die Strohbündel, worauf der Sarg gelegen, nicht mit in den Hof
zurück gelangten, weil sonst Krankheit und Tod hereingebracht
würden; auch durfte er sie nicht eigenhändig abwerfen, weil er
sonst von Übel befallen werden konnte. Er suchte sich daher die
holperigsten Wege aus und fuhr auf diesen mit großer Eile, um
so die verhängnisvollen Bündel durch das Schüttern des Gefährts
zu verlieren.
so aufgezeichnet von Johann Bendel
Die zwei Frauen (Iddelsfelder Hardt)
Viele Sagen knüpfen sich an diese alte
Begräbnisstätte. Zwischen Mielenforst und Iddelsfelder Hardt
schreiten auf der Heide zwei Frauen in dunkler Nacht dahin und
ängstigen die verspäteten Wanderer. Die eine Frau ist ganz
schwarz gekleidet, während die andere in blendender weißer
Pracht prangt.
so aufgezeichnet von Johann Bendel
Die schneeweiße Jungfrau (Iddelsfelder Hardt)
Zu Mielenforst am Bildstock, nicht weit von voriger
Stelle, geht zu nächtlicher Weile eine schneeweiße Jungfrau hin
und her, wie das alte Leute, die es gesehen haben, bezeugen
können.
so aufgezeichnet von Johann Bendel
Spielkässer und der Teufel (Iddelsfelder Hardt)
Spielkässer, der im Rheinlande noch in gutem Andenken
steht, der jedes Fest durch sein Fiedelspiel verherrlichen
half, fuhr einst von seinem Wohnorte, dem Birkenhahnenberg bei
Steinbüchel, nach Siegburg zum Schützenfeste. Gegen Mitternacht
fuhr er über die Iddelsfelder Hardt, wo es nicht geheuer sein
soll. Doch war er ohne Furcht, da er seine Büchse geladen bei
sich auf dem Wagen hatte. Wie er so an einem Gehölz vorüber
fährt, taucht plötzlich eine dunkle Gestalt vor ihn im Wege
auf. Die Rosse scheuen und bäumen sich, so dass der Künstler sie
nur mit Mühe halten kann. "Wer steht da mitten in der
Straße?" "Ich bin's", sagte der Dunkle,
"ich muß noch vor Hahnenkraht nach Urbach und nach
Troisdorf. Der Weg ist weit, du könntest mich mitnehmen".
"Wohlan, so räume den Weg vorn und springt hinten
auf!" ruft Kässer. Der Schwarze verschwindet vorn und
springt hinten in den Wagen. Die Rosse, die eben sich gebäumt,
rennen nun wie toll, so dass der Spielmann sie kaum zügeln kann.
Als er aber zu fluchen beginnt, werden sie plötzlich zahm und
schlagen die gewohnte Straße ein. Alsbald beginnt der Gesell,
den er aufgenommen, ein Gespräch mit ihm und fragt, was er in
der Hand führe bei dieser Nachtfahrt. "Nun",
entgegnete der Spielmann, "es ist ein Weihewedel, mit dem
ich manchmal den Segen zu erteilen pflege. Dieser fruchtet bei
Menschen und Vieh; schade ist's, dass mancher nicht mehr
davon bekommen hat". "Hum", sagte der Gesell,
"was hast du da in dem Bündel eingewickelt?"
"Das ist ein Kreuz von wunderbarer Kraft, das ich mit mir
führe. Wenn ich das an den Hals lege und mit meinem Finger
andächtig betaste, kann ich die bösen Geister alle
bannen". Der Schwarze, der die Hand schon nach dem Bündel
ausgestreckt hatte, zog sie jetzt scheu zurück, deutete auf die
Büchse, die an der linken Seite des Spielmannes ruhte, und
fragte, was dieses Werkzeug zu bedeuten habe. "Das
da", sagte Kässer, "ist meine Pfeife, aus der ich
meinen Tabak zu rauchen pflege". "Tabak?" sagte
der Schwarze. "Ich habe schon viel davon gehört, aber das
Rauchen noch nicht versucht, obwohl ich viel mir Feuer und
Rauch umzugehen pflege!" Der Taback war um diese Zeit noch
selten, viele Leute kannten das Rauchen nur vom hörensagen.
Spielkasser hatte unterdessen wohl gemerkt, wen er vor sich
hatte, wollte dem Schwarzen einen Possen spielen und sagte
daher: "Wenn du es versuchen willst, steht dir die Pfeife
zu Diensten, sie ist bereits prächtig gestopft. Nimm nur das
Rohr in den Mund, ich will dann schon nachhelfen und Feuer
machen". Der Schwarze ließ sich da nicht zweimal sagen und
schlug die Zähne um die Mündung der Büchse, während Kässer
los drückte. Auf den furchtbaren Knall musste der Teufel gewaltig
niesen. Die Kugel, die er zwischen den Zähnen einige mal hin und
her schob, spie er dann aus und sprach: "Du hast starken
Tabak und bist ein tüchtiger Kerl! Ich dachte, dich hier etwas
zu hänseln, ich sehe aber, dass ich an dir meinen Mann gefunden
habe. Fahre ruhig deiner Wege". Hiermit sprang der
Schwarze vom Wagen und behelligte den Fiedler nicht weiter.
so aufgezeichnet von Johann Bendel
Die Hexen
Auch Sagen knüpfen sich an den Schluchter Wald. Eine
derselben erzählt von Hexen, die als Katzen in einer Mühle
erschienen. Die Hardmühle war ehemals eine Ölmühle, auf der ein
Knecht bei Tage und ein anderer Knecht bei Nacht arbeitete, da
man damals noch keine Dampfkraft anwandte. Allnächtlich um
zwölf Uhr erschienen nun in der Mühle Katzen. Sie strichen
ruhig herein und ließen den Müllerburschen unangefochten. Doch
wurde diesem die Sache immer unheimlicher, und er beschloss
zuletzt, dem Dinge ein Ende zu machen. Jemand belehrte ihn,
einen blanken Säbel mitzunehmen und mit Kreide einen Kreis um
sich zu ziehen, wenn die Katzen wieder erscheinen würden. Der
Bursche merkte sich alles genau und befolgte diese Weisungen
schon in der folgenden Nacht. Genau zur Mitternachtsstunde
erschienen sie. Es gelang ihm, einer von ihnen ein Bein
abzuschlagen. Am nächsten Morgen hörte er, dass eine Frau in der
Nachbarschaft schwer krank danieder liege, da sie ein Bein
verloren habe.
so aufgezeichnet von Johann Bendel
Der Nebelkater Niff (Thurner Heide)
Auf der Thurner Heide geht die Sage von einem
riesenhaften, gespenstischen Katzenungetüm, dem Nebelkater Niff,
von den aber niemand etwas Genaueres anzugeben weiß.
so aufgezeichnet von Johann Bendel
Der Heidenkönig (Thurner Heide)
An vielen Stellen der Heide von Thurn weiß man von
einem heidnischen König zu berichten, der irgendwo begraben
sein soll. Die Stelle des Grabes ist unbekannt. Nach einigen
Angaben ist dieser König mit einem großen Schatze begraben
worden, nach anderen ruht er in einem silbernen Sarge.
so aufgezeichnet von Johann Bendel
Das Hexenwieschen (Schluchter Wald)
In der Nähe dieser Mühle bezeichnet man heute eine
kleine Wiese als "Hexenwieschen". Auch dort sind oft
unheimliche Katzen um die Leute herumgestrichen, doch ohne
ihnen Leid zuzufügen.
so aufgezeichnet von Johann Bendel
Das unheimliche Licht am Wasser (Strunden)
Auch von einem unheimlichen Lichte am Wasser erzählt
die Sage. Ein Knecht diente in Berg. Gladbach. Er fuhr Kohlen
und Kalk zwischen Gladbach und Strunden. So kam er auch wieder
eines Abends mit einer Fuhre Kohlen durch das Thielenbruch bei
Strunden. Dort befand sich an einem kleinen Bache eine Tränke
für die Pferde. An dieser Stelle gewahrte der Fuhrmann ein
brennendes Licht. Fast erstarrt war er vor Schrecken, doch
stumm und wortlos zog er sein Pferd mit sich und eilte in
größter Hast dem nahen Orte zu.
so aufgezeichnet von Johann Bendel
Das unheimliche Licht auf dem Karren (Strunden)
Von einem anderen Lichte erzählt die Sage also: Ein
Knecht aus Strunden war abends immer saumselig, nach Hause zu
kommen. Oft war der Abend schon weit vorgerückt, ehe er im
Stalle seines Herrn eintraf. Da setze sich ihn eines Abend ein
Licht hinten auf den Karren und leuchtete ihm. Seit diesem Tage
machte er sich immer frühzeitig heim.
so aufgezeichnet von Johann Bendel
Der glühende Ofen im Walde (Strunden)
Selbst von einem glühenden Ofen berichtet die Sage.
Ein Fuhrmann zog einst noch spät am Abend mit seinem Fuhrwerke
von Berg. Gladbach nach Strunden. Als er in die Nähe von
Strunden kam, war es bereits Mitternacht geworden. Er befand
sich gerade in einem Walde, als er plötzlich in demselben einen
glühenden Ofen erblickte. Voll tödlichen Schreckens trieb er
sein Pferd zur äußersten Eile an und erreichte bald
schweißtriefend sein Heim.
so aufgezeichnet von Johann Bendel
Die gebannte Karre
An sumpfiger Stelle blieb eine Karre stecken. Mehrere
Pferde spannte man vor, doch es half nichts, die Karre war
"gebannt". Ein der Schwarzkunst kundiger Mann aber
wußte Rat. Er nahm vom Fuhrwerk die Hacke (die hing früher
immer neben dem Pferde am linken Karrenbaum) und zerschlug eine
Radpeiche. Plötzlich schrie ein hinter einem Strauch
versteckter Mann laut auf, das man ihn das Bein zerschlagen
habe. Aber auch der Zauber war gelöst, und die Pferde konnten
die Karre leicht fortziehen.
so aufgezeichnet von Johann Bendel
Abbildungen:[1] Das Merheimer Wappen, in
Auftrag gegeben vom Merheimer Geschichtskreis, entnommen dem
Buch "Merheim, ein Dorf zwischen Heide und Bruch - Band
3, 2003"
Quellen[1] "Heimatbuch des Landkreises
Mühlheim am Rhein" von J. Bendel, 1925
letzte Änderung: 08.04.2001
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